Die Dämonen des Büroangestellten

Ich war neugierig auf unser Treffen mit dem tätowierten Büroangestellten in Tokio. Jeden Tag fährt Tsuyoshi Hashimoto ins Büro, seine tätowierte Haut unter langen Hemden versteckt. Tattoos, insbesondere traditionelle japanische Tattoos, sind in Japan eng verknüpft mit der Mafia. Mit der hat Hashimoto allerdings nichts zu tun, er findet Tattoos einfach schön. Ich erwartete einen wilden Kerl, einen Rebellen, der des Geldes wegen einen gut bezahlten Job in der Finanzbranche angenommen hat. Tsuyoshi Hashimoto war aber alles andere als wild. Er hatte große Angst, von seinen Kollegen entlarvt zu werden. Bevor ich ein Foto machen durfte, wollte er Vertrauen aufbauen. “Bitte komm wieder, nachdem der Artikel geschrieben ist”, sagte er. Doch dafür hatten wir leider keine Zeit. Ich wollte ihn fotografieren, wie er sein Hemd aufknöpft und wie darunter seine Tattoos zum Vorschein kommen. Vielleicht nächstes Mal… Nach langem Zureden durfte ich seine Dämonen, den kämpfenden Samurai und all die andere wunderschöne Körperkunst fotografieren, aber ohne Hemd und Hände. Ich musste meine Speicherkarte mit den Bildern bei ihm lassen. Er sollte sie mir schicken, nachdem er seine Zitate autorisiert hatte, das war der Deal. Ich verstehe nicht, warum er sich tätowieren lässt, wenn seine Tattoos ihm solche Angst machen – oder die Reaktion seiner Mitmenschen darauf.

Tattookultur in Japan

Die Bombensprengerinnen

Neun Jahre lang, von 1964 bis 1973, wurde Laos von der US-Armee bombardiert. Die Menschen, die dort wohnten, wussten meist gar nicht, wer die Bomben abwarf und warum. Viele der Bomben explodierte nicht sofort. Sie UXOwarteten auf Bauern, die ihre Felder bestellten, auf spielende Kinder oder auf jemanden, der Jahre später an der falschen Stelle ein Feuer machte, weil ihm kalt war.
Ich wusste nicht, was uns erwarten würde. Wir waren verabredet mit einer Gruppe von Frauen, die jeden Tag rausfahren, um das Land von den zahllosen Blindgängern zu befreien. Waren es Leute, die Familienmitglieder verloren hatten? Oder war es der Kick, das Adrenalin? Vielleicht waren es Patrioten?
Es stellte sich heraus, dass die Bombensprengerinnen der laotischen Kampfmittelbeseitigungsbehörde ganz gewöhnliche Leben hatten. Sie brachten ihre Kinder morgens vor der Arbeit in die Schule, sprengten die Bomben routiniert und konzentriert. Waren die Felder und Dörfer gesäubert, gingen sie wieder nach Hause, um für ihre Familien zu kochen. So machen sie das tagein und tagaus. Warum sie es trotzdem nicht schaffen werden, all den Kriegsmüll zu beseitigen, steht in der aktuellen Chrismon plus.

UXO

Weg vom Strom

Mit Touristenattraktionen ist es so ein Ding. Einerseits gibt es dort etwas zu sehen. Sie stehen schließlich nicht ohne Grund in allen Reiseführern. Andererseits strömen dort jeden Tag Touristen hin – oft seit Jahrzehnten und oft in Scharen. Die Menschen vorort haben sich angepasst. Sie verdienen an den Besuchern, man wird also als Kunde gesehen, oder man wird ignoriert. Die schönsten Begegnungen hatten wir abseits der Touristenrouten. Deshalb haben wir uns vorgenommen, sie so oft es geht zu verlassen. Doch es ist mühsam, nicht mit dem Strom zu schwimmen. Die Busse sind unbequemer, fahren seltener, man teilt sich oft drei Sitze mit vier Personen, einem Sack Reis und einem Huhn. Weniger Menschen sprechen Englisch und die Speisekarten sind nicht so vielseitig. Man muss allerdings nicht aufs Land, um den Touristentrauben zu entkommen. Das geht auch in Großstädten, mit ein paar einfachen Tricks. In Vientiane haben wir versucht, die Sehenswürdigkeiten zu meiden. Ob uns das gelungen ist und was es mit experimentellem Reisen auf sich hat, lest ihr hier.

Experimentelles Reisen Vientiane

Sanfte Männer

Wir taten uns schwer damit, an unserem ersten Abend in Yangon ein Restaurant zu finden. Die meisten Leute aßen auf dem Bürgersteig, neben viel befahrenen Straßen, das war uns mit Tom zu gefährlich. Schließlich landeten wir in einer Kneipe. Nur Männer, Bierflaschen auf den Tischen und überall lief Fußball auf den Fernsehern. Wir bestellten Reis mit Pilzen. Unter dem Tisch huschte eine Ratte an der Wand entlang. Das ist kein Ort für ein Baby, dachte ich mir. Da kam ein Kellner zu unserem Tisch. Er kniete neben Tom, breitete seine Armen aus und schon war Tom von seinem Stuhl geklettert. Wir konnten in Ruhe zu Ende essen und dabei zusehen, wie verschiedene Kellner Tom durchs Restaurant trugen. Einer zeigte ihm ein Video von seiner zweijährigen Tochter, ein anderer küsste ihn vor Begeisterung immer wieder auf die Wange. Auf unserer Reise haben wir viele liebenswerte Leute getroffen, die sich gerne mit Tom beschäftigt haben. Doch die Sanftheit, mit der die Burmesen sich um ihre Kinder und auch um Tom gekümmert haben, stellte alles in den Schatten. Mehr dazu könnt ihr hier lesen.

TomKolage

Freiheitskämpfer

imageAls ich morgens an der Sule-Pagode in Yangon ankam, war der Freiheitskämpfer Nandar Sitt Aung noch nicht da. Stattdessen wartete sein unscheinbarer Freund auf mich. Er sollte bei der Übersetzung helfen. Ich wollte ein  bisschen Smalltalk machen und fragte nach seinem Job. Er machte Politik. Ob er auch im Gefängnis gewesen sei? “Das erste Mal zwei Jahre und danach noch mal neun Jahre”, sagte er. Ich schaute ihn plötzlich mit anderen Augen an. Und ich schämte mich, dass ich ihn für etwas langweilig gehalten hatte. Wir haben in Myanmar viele Menschen getroffen, die wie Nandar Sitt Aung und sein Freund mutig und selbstlos für die Demokratie kämpfen. Wenn sie nicht aufgeben, wird der Traum vielleicht bald wahr. Nächstes Jahr stehen wieder Wahlen an. Doch dass es dabei frei und fair zugehen wird, glauben Sitt Aung und seine Mitstreiter nicht.

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Schwerelos schweben

In Malaysia hatten wir einen Schnuppertauchkurs gemacht. Unter Wasser bleiben und in Ruhe Fische gucken. So hatte ich mir das vorgestellt. Im Wasser hat mich aber die ganze Ausrüstung gestört. Das Luftholen war sehr laut und wenn etwas passiert, kann man nicht sofort nach oben. Wie ein Astronaut, der einen Spacewalk macht. Wie anders war da das Freitauchen, das wir auf Koh Tao in Thailand ausprobiert haben. Vorher richtig atmen, entspannen und man kann minutenlang unter Wasser bleiben. Ich fand es wunderschön, schwerelos durch den lauwarmen Ozean zu schweben. Dass es Heike ganz anders ergangen ist, lest ihr auf SPIEGEL ONLINE.

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In der Fremde

Was ist, wenn mein Partner mich verlässt, ich kein Geld mehr habe und keinen Job – und das alles weit weg von zu Hause, zum Beipiel in Bangkok? Würde ich überleben? Was würde ich tun? Ich habe mich schon oft gefragt, wie ich mich in der Fremde durchschlagen würde. Samuel Montassier hat es geschafft. Der Franzose ist in Chinatown in Bangkok abgestürzt und langsam wieder auf die Beine gekommen. Er sagt, dass er heute ein glücklicher Mensch sei. Wir trafen Sam an einer lauten, stinkenden Straßenkreuzung. Seinen Unterhalt verdient er mit einem sehr ungewöhnlichen und einzigartigen Job in Thailands Hauptstadt.

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Aus der Geisterwelt

Eigentlich bin ich ein nüchtern denkender Mensch. Götter und Geister gehören nicht zu meiner Welt. Auf meinen Reisen habe ich aber mehrere Leute getroffen, die von Geistern besessen schienen. Das waren oft schüchterne und gebildete Menschen,  doch wenn sie in Trance waren, verwandelten sie sich in komplett andere Wesen. Laut, wild und unkontrolliert. Was ich glaube und was ich erlebt habe, passt einfach nicht zusammen. Auch die Schamanin Riana Nainggolah, die wir am Tobasee auf Sumatra trafen, wirkte nicht wie jemand, der sich selbst in den Mittelpunkt rücken möchte. Sie schien sich eher damit abgefunden zu haben, dass die Geister sie als Medium aussuchen. Über die Geisterwelt traue ich mir deshalb keine Meinung zu. Ich glaube nicht daran und gleichzeitig möchte ich es auch nicht als Humbug abtun.

Schamanin auf Sumatra

Tom Popstar

Wir sind schon mehrere Monate unterwegs, wir haben viel gesehen, doch erst in Flores hatten wir so richtig das Gefühl zu reisen. Im Flieger nach Ende waren wir die einzigen Touristen, Kinder standen an der Landebahn und winkten. In den Bussen, Taxis und Fähren saßen nicht nur Menschen, sondern meistens auch ein paar Hühner. Tom wurde vielerorts begrüßt wie ein Popstar. Die Leute, die wir kennenlernten, waren stolz, selbstbewusst und hatten einen tollen Humor. Sie verstanden Ironie, was in Asien nicht selbstverständlich ist. Es war nicht allzu bequem, effizient, koordiniert in Flores, aber wir hatten eine Menge Spaß und wir vermissen die Insel. Hier steht mehr über unsere Zeit dort.

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Geldmaschinenklinik

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Klinik in Kuta: EINweghandschuhe?

In Kuta auf Lombok war ich zum ersten Mal auf unserer Reise krank. Was Falsches gegessen, Durchfall, Bauchkrämpfe und ich fühlte mich schwach und zittrig. Ein Angestellter vom Homestay fuhr mich auf seinem Moped zur nächsten Praxis. Die entpuppte sich als reiche Villa eines Arztes, dem mein Geldbeutel mehr am Herzen lag als meine Genesung. Er spritzte mir etwas gegen Krämpfe und ein Antibiotikum, bettete mich in ein Aircon-Zimmer mit Fernseher und Doppelbett, hängte mich an den Tropf, massierte mir mit Eukalyptusöl die Beine und wollte mir auch noch Schmerzmittel, Fiebersenker und Loperamid gegen Übelkeit aufdrängen. Zum Glück ging es mir nach einem halben Tag wieder so gut, dass ich diesem unfähigen und unsympathischen Doktor entkommen konnte – nachdem wir 30 Mal mehr bezahlt hatten, als die Behandlung in einem indonesischen Krankenhaus gekostet hätte… Danach hatten wir noch ein paar Tage Zeit, um diese Geschichte über Surfer, Fischer und Geldgräber an Lomboks Südküste zu recherchieren.Kuta, Lombok