Viermal Stunde null

Manche Dinge zerschneiden das Leben in ein Vorher und ein Nachher. Der Tsunami, der vor zehn Jahren auf die Küsten von Thailand, Indonesien und anderen Ländern krachte, war so ein Ding. Er brachte unsäglichen Kummer. Und er veränderte das Leben derer, die ihn überlebten. Wir haben vier Menschen getroffen, die uns erzählten, wie es ihnen nach der Katastrophe erging.

Lampuuk, AcehDian Faizin, 24, stand im Garten seiner Oma, als die Welle kam. Sie löschte fast sein ganzes Dorf aus, tötete seine Eltern und Geschwister. Trotzdem zieht es Dian nach Lampuuk in Aceh zurück. Er hat uns das neue Haus gezeigt, das ihm eine NGO neben die Trümmer des alten gebaut hat. Ein Matratzenlager, eine Gitarre, sein Surfbrett. Der Garten sieht wild aus, die Zimmer verwahrlost. Dian kommt nur am Wochenende her. Doch in ein paar Jahren will er seine Freundin heiraten und in dem Haus leben. Der Tsunami habe ihn manches gelehrt, sagt er. Dies ist Dians Geschichte.

Banda AcehEin Fischkutter rettete Habasiah, 49, das Leben – und nahm ihr das Zuhause. Denn jetzt ist ihr Haus in Banda Aceh mit dem Schiff auf dem Dach ein berühmtes Mahnmal. Habasiah ist eine elegante, starke und sehr gläubige Frau. Sie jammert nicht, sie vertraut auf Allah. Doch als wir mit ihr die Ruinen ihres alten Heims besuchten, merkten wir, wie sehr sie auch zehn Jahre später noch ihre Nachbarn und ihr Viertel vermisst. Der Tsunami habe die Hilfsbereitschaft der Menschen zerstört, sagt sie. Hier ist ihre Geschichte.

20141105-IMG_0022Ich lief einige Stunden durch die Touristenhochburg Patong auf Phuket und stellte vielen Leuten viele Fragen, bis ich vom Ocean Plaza hörte, dem Einkaufszentrum am Strand, in dem Dutzende Menschen ertrunken waren. Dort fand ich Boonchup Saeaew, 50, einen einarmigen Koch, der seine Tochter verloren hatte. Drei Stunden saßen wir im Untergeschoss in einer kleinen Apotheke auf Plastikhockern. Saeaew erzählte, eindringlich und sehr genau, die nette Apothekerin übersetzte. Ich hatte das Gefühl, dass er sich einen Teil seiner Schuld von der Seele redete, die ihn immer noch zermürbt. Er hätte ihre Hand nicht loslassen dürfen, sagt er. Seine traurige Geschichte steht hier.

20141103-IMG_9957Franky Gun, 49, ist ein Typ, der anpackt, der sich nicht unterkriegen lässt, auch nicht von einem Tsunami. Als ihm in einem überfluteten Bungalow in Khao Lak die Luft ausging, wehrte er sich gegen den Tod, kämpfte sich frei – und überlebte. Seine Eltern schafften es nicht. Doch der ehemalige Goldschmied aus dem Ruhrpott hat seinen Frieden mit dem Schicksal geschlossen und sich ein neues Leben in Thailand aufgebaut. Seit dem Tsunami sei er ein zufriedenerer Mensch, sagt er. Auch seine Geschichte lest ihr auf SPIEGEL ONLINE.

Aus der Geisterwelt

Eigentlich bin ich ein nüchtern denkender Mensch. Götter und Geister gehören nicht zu meiner Welt. Auf meinen Reisen habe ich aber mehrere Leute getroffen, die von Geistern besessen schienen. Das waren oft schüchterne und gebildete Menschen,  doch wenn sie in Trance waren, verwandelten sie sich in komplett andere Wesen. Laut, wild und unkontrolliert. Was ich glaube und was ich erlebt habe, passt einfach nicht zusammen. Auch die Schamanin Riana Nainggolah, die wir am Tobasee auf Sumatra trafen, wirkte nicht wie jemand, der sich selbst in den Mittelpunkt rücken möchte. Sie schien sich eher damit abgefunden zu haben, dass die Geister sie als Medium aussuchen. Über die Geisterwelt traue ich mir deshalb keine Meinung zu. Ich glaube nicht daran und gleichzeitig möchte ich es auch nicht als Humbug abtun.

Schamanin auf Sumatra

Carno

Im Dorf der Walfänger, über das wir ja schon gebloggt haben, leben natürlich auch unzählige Kinder. Carno sitzt am Strand von Lamalera auf Lembata, IndonesienSie folgten uns in kleinen Trauben, wenn wir durchs Dorf schlenderten, weil sie Tom so spannend fanden. Morgens um sechs hörten wir bereits Kinderstimmen unter unserem Fenster: Toooom? Sie kamen den ganzen Tag über, um mit ihm zu spielen. Ein Junge hat uns besonders berührt. Er hieß Carno, war acht Jahre alt und gleichzeitig sanft und aufgeweckt. Er hatte eine fiese Narbe auf Stirn und Wange, die er unter einer Strickmütze versteckte. Irgendwie hatte heißes Öl seine Haut verbrannt, doch das wollte er nicht so genau erzählen. Er redete auch nicht gern darüber, wie seine Mutter starb, als er noch kleiner war. Sein Vater ist weggezogen. Carno lebt mit seiner Oma und seinem Onkel in einer sehr ärmlichen Hütte. Es war schön mitzuerleben, dass Carno in Lamalera trotzdem gut aufgehoben ist. Er hat viele Freunde, mit denen er am Strand oder auf dem Bolzplatz spielt. Vielleicht schafft er es sogar, eines Tages ein Lamafa zu werden. Hier ist die Geschichte über ihn aus DeinSPIEGEL.

Carno (2.v.l.) mit seinen Freunden in Lamalera auf Lembata, Indonesien

Tom Popstar

Wir sind schon mehrere Monate unterwegs, wir haben viel gesehen, doch erst in Flores hatten wir so richtig das Gefühl zu reisen. Im Flieger nach Ende waren wir die einzigen Touristen, Kinder standen an der Landebahn und winkten. In den Bussen, Taxis und Fähren saßen nicht nur Menschen, sondern meistens auch ein paar Hühner. Tom wurde vielerorts begrüßt wie ein Popstar. Die Leute, die wir kennenlernten, waren stolz, selbstbewusst und hatten einen tollen Humor. Sie verstanden Ironie, was in Asien nicht selbstverständlich ist. Es war nicht allzu bequem, effizient, koordiniert in Flores, aber wir hatten eine Menge Spaß und wir vermissen die Insel. Hier steht mehr über unsere Zeit dort.

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Unter Walfängern

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Wir sind mit gemischten Gefühlen nach Lamalera gereist, in das indonesische Dorf, in dem die Männer Wale jagen wie ihre Großväter. Wie nehmen die Dörfler neugierige Weiße auf, die zuschauen wollen, wie man einen Pottwal tötet? Sollten Touristen überhaupt dorthin fahren, oder stacheln sie damit die Waljagd unnötig an?

20140708-IMG_6188Wir kamen abends an, als die Fischer gerade vier Pottwale an den Strand zogen. Über dem Dorf lag der scharfe Geruch nach trocknendem Fleisch. Am nächsten Morgen sollten die Wale zerlegt werden. Wir fühlten uns fremd.

In den nächsten zehn Tagen lernten wir die Walfänger besser kennen und trafen einige der offensten, selbstbewusstesten und aufrichtigsten Menschen der ganzen Reise. Den Lehrer Frans, der in seiner Freizeit über den Walfang forscht. Den Pfarrer Michael, der so gern und lustig tanzt. Mama Agnes, die Tom jeden Tag Bananen schenkte. Die Kinder, die morgens schon um halb sieben draußen vor unserem Fenster standen und mit Tom spielen wollten.

Die Bewohner von Lamalera behandelten uns wie Gäste, nicht wie Touristen. Wir verstanden, dass sie Wale jagen, um zu überleben. Die Reportage über sie lest ihr auf SPIEGEL ONLINE.

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Geldmaschinenklinik

KlinikKuta

Klinik in Kuta: EINweghandschuhe?

In Kuta auf Lombok war ich zum ersten Mal auf unserer Reise krank. Was Falsches gegessen, Durchfall, Bauchkrämpfe und ich fühlte mich schwach und zittrig. Ein Angestellter vom Homestay fuhr mich auf seinem Moped zur nächsten Praxis. Die entpuppte sich als reiche Villa eines Arztes, dem mein Geldbeutel mehr am Herzen lag als meine Genesung. Er spritzte mir etwas gegen Krämpfe und ein Antibiotikum, bettete mich in ein Aircon-Zimmer mit Fernseher und Doppelbett, hängte mich an den Tropf, massierte mir mit Eukalyptusöl die Beine und wollte mir auch noch Schmerzmittel, Fiebersenker und Loperamid gegen Übelkeit aufdrängen. Zum Glück ging es mir nach einem halben Tag wieder so gut, dass ich diesem unfähigen und unsympathischen Doktor entkommen konnte – nachdem wir 30 Mal mehr bezahlt hatten, als die Behandlung in einem indonesischen Krankenhaus gekostet hätte… Danach hatten wir noch ein paar Tage Zeit, um diese Geschichte über Surfer, Fischer und Geldgräber an Lomboks Südküste zu recherchieren.Kuta, Lombok